Am 26. November 2025 fand an der TU München die Veranstaltung „Beruf. Politik. Gesellschaft.“ statt, ausgerichtet vom Lehrstuhl für Wissenschafts- und Techniksoziologie. Im Zentrum standen die aktuellen und zukünftigen Herausforderungen an die berufliche Bildung in einer Zeit umfassender gesellschaftlicher Veränderungen – von erstarkendem Populismus und zunehmender sozialer Ungleichheit bis hin zur Digitalisierung.
An der Diskussion teilgenommen haben: Prof. Annette Diefenthaler (TUM), Sandra Zellhahn (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus), Prof. Wilhelm Hofmann (TUM), Prof. Daniel Pittich (TUM), Prof. Bettina Zurstrassen (Universität Bielefeld), Helen Sauer (Fachschaft Berufliche Bildung, TUM).
Nach einem Impulsvortrag von Prof. Bettina Zurstrassen diskutierten Expert:innen aus Wissenschaft, Praxis und Bildungspolitik darüber, welche Verantwortung das Unterrichtsfach Politik und Gesellschaft in Zukunft übernehmen kann und muss. In ihrem Vortrag zeigte Prof. Zurstrassen, dass viele der Herausforderungen (wie heterogene Lerngruppen oder fachfremd unterrichtende Lehrkräfte) nicht neu sind; sie zu lösen oder zumindest systematisch anzugehen, ist bisher aber nur unzureichend erfolgt. Es mangelt dabei nicht an Problembewusstsein in der Bildungspolitik, auch liegen belastbare Daten und tragfähige fachdidaktische und pädagogische Konzepte vor. Sie führte dies am Lehrfeldkonzept aus. In ihren Augen fehlt es am politischen Willen, nachhaltige Strukturen zu schaffen, um die Situation des Bildungsbereichs zu verbessern. Das ist umso erstaunlicher, weil kaum eine andere gesellschaftliche Institution mit so vielfältigen sozialen Integrationsleistungen konfrontiert ist wie diese Schulform.
Im Podium machte Pro-Dekan für Studium und Lehre an der SOT, Prof. Daniel Pittich, deutlich, dass politische Bildung stärker an die berufliche Praxis der Lernenden anschließen müsse. Dies fand breite Zustimmung. Aus der Perspektive der im Bereich Politik und Gesellschaft Lehrenden geht es nicht nur um die Vermittlung von Konzepten wie Demokratie oder Sozialstruktur. Politische Bildung umfasst neben didaktischen auch demokratische Kompetenzen und muss kritisches Denken, Kommunikation und Zuhören, wie auch die Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zur Konfliktlösung fördern. Wichtig ist es auch, den Stand der Forschung zu Themen Polarisierung, Rassismus und Antisemitismus wahrzunehmen, um umfassende, wissenschaftlich robuste Erklärungsangebote zu vermitteln, anstatt vereinfachende Darstellungen in den (sozialen) Medien zu verstärken, die Teil des Problems sind. Prof. Wilhelm Hofmann lenkte den Blick zudem auf strukturelle und epistemische Herausforderungen: etwa die Notwendigkeit, die Ästhetik rechtspopulistischer Diskurse zu verstehen, die durch Social Media und Künstlicher Intelligenz zudem neue Formen annimmt, sowie die Wichtigkeit, in Bildungsprozessen nicht selbst unreflektiert populäre Narrative – wie den Mythos einer stark polarisierten Gesellschaft – zu reproduzieren.
Die strukturelle Umsetzung in die Bildungspolitik und in den Schulen war ebenfalls ein wichtiger Diskussionspunkt. Sandra Zellhahn vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus verwies unter anderem auf überladene Lehrpläne und die Komplexität der Abstimmungsprozesse zwischen Ministerium, Schulen, Kammern und Betrieben.
Es wurde aber auch die Gestaltungsoffenheit im Unterricht betont. Prof. Annette Diefenthaler hob hervor, dass Unterricht als Experimentierraum verstanden werden könne, in dem erfahrungsbasiertes Lernen (z.B. nach dem Vorbild von Design Thinking) demokratische Kompetenzen verstärken kann. Aus der Perspektive der Studierenden – vertreten durch Helen Sauer – ist die Übersetzung theoretischer Inhalte in die schulische Praxis eine der zentralen Herausforderungen. Viele angehende Lehrkräfte fühlen sich fachlich zu wenig vorbereitet, insbesondere wenn sie Politik und Gesellschaft fachfremd unterrichten sollen. Das ist gerade dann der Fall, wenn sie im Unterricht auf antisemitische oder verfassungsfeindliche Haltungen treffen. Helen Sauer wie auch eine Kollegin aus dem Publikum berichtete von eigenen Erfahrungen sowohl aus dem Studium als auch aus der beruflichen Praxis.
Es sei unklar, inwiefern Lehrkräfte Position beziehen könnten oder dem Neutralitätsgebot folgen müssten. Diese Unklarheit führe gerade für fachfremde Lehrende zu starker Verunsicherung.
Deutlich wurde: Berufliche Bildung gestaltet gesellschaftliche Verhältnisse mit – und sie reproduziert sie auch. Berufsschulen sind deshalb ein zentraler Ort, in denen Lehrkräfte zusammen mit Schülerinnen und Schüler Inhalte der politischen Bildung gemeinsam erschließen können und durch aktive Beteiligung am Unterricht und am Schulleben die Grundprinzipien der Demokratie lernen, damit demokratische Kompetenzen und gesellschaftspolitische Verantwortung gestärkt werden. Der Anspruch, sowohl die praktische Ausbildung als auch eine fundierte politische Bildung in den Hauptfächern wie auch durch das Unterrichtsfach Politik und Gesellschaft zu gewährleisten, bleibt ein Balanceakt – zugleich aber eine entscheidende Aufgabe in der Zukunft.